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Georgien

„Only the driver (Nur der Fahrer)!“, bellt der türkische Grenzbeamte in das halb geöffnete Fenster. Auf der türkischen Seite der Grenze nach Georgien werden wir getrennt. Irgendwie komisch. Nur ich habe eine SIM-Karte in meinem Handy, Eileen ist nicht mehr zu erreichen. Was, wenn jetzt etwas passiert? Vor mir bildet sich eine lange Autoschlange und ich hole in George schnell das Frühstück in Form eines Müslis nach. Als ich schließlich allein am Zollhäuschen ankomme, blickt der Beamte ernst aus dem Fenster: „You have traffic penalty!“. Ich bin erstaunt, eine Strafe wofür und wann? Diese Fragen kann mir der Beamte leider nicht beantworten. Er weiß nur, ich muss 285 Lira, ungefähr 15 Euro, bezahlen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich nur etwas dazu verdienen möchte, aber ich merke schnell, hier ist nichts zu machen. Also möchte ich per Karte zahlen, doch das Kartenlesegerät funktioniert heute nicht (welch ein Zufall) – nur Bargeld. Der Beamte tippt länger etwas in den PC und drückt mir fünf (!!!) Strafzettel über kleine Beträge ohne belegbares Datum und ohne einen aufgelisteten Grund in die Hand. Es geht zum nächsten Häuschen, wo ich in Bar zahlen soll. Leider haben wir kurz vorher alles an türkischen Lira ausgegeben. Ich kratze meine letzten Euros zusammen und zahle etwa 13 Euro. Ich versuche es erneut und frage, ob es so in Ordnung sei, da ich kein Bargeld mehr habe. „Problem!“ ist die Antwort. Ich solle einmal komplett um das Gebäude herum und beim Bankautomaten Geld abheben. Da ich nur für mindestens 50€ wieder Lira abheben kann, wird mir die ganze Sache zu bunt und ich frage einfach nett, beim Mann hinter mir, nach den fehlenden 40 Lira. Glücklicherweise kommt er meiner Bitte nach. Ich zahle und renne nochmal zum geparkten George, um schnell das Doppelpack Snickers zu holen, das euch bereits aus dem letzten Artikel bekannt ist, und für das wir unsere letzten Lira ausgegeben haben, um es dem Mann als Dank in die Hand zu drücken. Schade, dass die Ausreise so unschön verlaufen musste, doch die Sorgen sind schnell vergessen, als ich die georgische Flagge sehe und die Vorfreude erwacht wieder. Nur noch ein kurzer Blick in George, dann zwei Stempel. Eileen steht schon sehnsüchtig am letzten Häuschen und hüpft in George. Wir haben es geschafft und sind in Georgien angekommen!

Nur ein paar Kilometer hinter der georgischen Grenze, an der Schwarzmeerküste, befindet sich bereits die große Hafenstadt Batumi. Hier wollen wir uns einen ersten Eindruck des neuen Landes machen und eine SIM-Karte kaufen, um wieder erreichbar zu sein. Gut vier Stunden schlendern wir durch die volle Stadt und stauen über die Architektur. Das Stadtbild wirkt beinahe willkürlich zusammengewürfelt. Ob hoch, tief, schmal, breit, modern, klassisch, eckig oder rund, alles ist dabei. Sogar ein Riesenrad im Hochhaus.

Am Hafen verweilen wir etwas. Hier steht das wunderschöne Monument von Ali und Nino. Die Installation der georgischen Künstlerin Tamara Kvesitadze zeigt zwei Stahlfiguren, die sich langsam aufeinander zubewegen. Nach 8 Minuten treffen sich beide Figuren und verschmelzen, ohne sich zu berühren. Danach beginnt der Kreislauf erneut. Das Kunstwerk ist eine Hommage an den gleichnamigen Roman, der eine tragische Liebesgeschichte erzählt und weltbekannt ist. Nach dem Besuch sind wir sehr geplättet. Schnell fliehen wir wieder, weiter entlang der Küste.

In Georgien spielt die Topografie eine große Rolle. Das Land, das an den Kaukasus grenzt, mag zwar klein wirken, doch die Entfernungen sollte man dennoch nicht unterschätzen. Durch das Land führt vom Westen in Richtung Osten ein Tal, das nördlich vom großen Kaukasus und südlich vom kleinen Kaukasus flankiert wird. Im Tal verläuft die Autobahn von Batumi bis Tiflis. Sobald man von dieser Route in Richtung Norden oder Süden abfährt, werden die Straßen zunehmend schlechter und die Entfernungen größer, da man in kurzer Zeit gewaltige Sprünge in Höhenmetern bewältigt.

Zunächst folgen wir weiter der Autobahn und bekommen direkt einen Einblick in den chaotischen Verkehr in Georgien. Hier wird immer und von beiden Seiten überholt, auch wenn ein anderes Auto entgegenkommt. Wenn es mal nicht die Autos sind, die die Fahrbahn blockieren, sind es die unzähligen Kühe, die immer wieder auf der Straße stehen und sich nicht vom Fleck bewegen

So kämpfen wir uns durch diesen Verkehr und steuern auf einen kleinen Campingplatz zu. Wir haben von Claudia und Christof gelesen, die aus Deutschland ausgewandert sind und auf ihrem neu erworbenen Grundstück Overlander beherbergen. Nachdem es immer ländlicher wird, finden wir tatsächlich das Haus mit dem großen Grundstück und werden herzlich empfangen. In familiärer Atmosphäre verbringen wir hier zwei Tage, denn wir warten auf jemand ganz besonderen. Am zweiten Tag kann man plötzlich Motorgeräusche vernehmen, die nach einem Defender klingen. Unsere Freunde Luggi und Nora sind endlich da und wir vier sind wieder vereint! Die Freude ist groß, denn gemeinsam wollen wir Georgien erkunden. Schon am nächsten Tag fahren zwei Defender in Kolone vom Hof und machen sich auf in Richtung Uschguli.

Uschguli ist ein kleines Bergdorf im Nord-Westen Georgiens und galt bis vor kurzem mit seinen 2200 Höhenmetern als die höchstgelegenste dauerhaft bewohnte Siedlung Europas (Warum auch immer Georgien zu Europa zählt). Diesen Rang musste das Dorf wieder abgeben, da es einen Eremiten gibt, der um die Ecke das ganze Jahr über in seinem Haus in einer viel kleineren Siedlung ein paar Meter höher wohnt. Gut sechs Stunden benötigen wir vom Campingplatz dorthin. Um nicht zu lange an einem Stück zu fahren, entscheiden wir uns für eine Nacht einen Zwischenstopp an einem Fluss in der Nähe von heißen Quellen zu machen. Am nächsten Morgen werden wir bereits freudig erwartet. Ein Bauer, dem das Land gehört, seine Kühe und Ziegen begrüßen uns neugierig. Die angebotene Cola lehnt der Mann dankend ab, freut sich aber über ein Bier. Stolz holt er sein Pferd und zeigt uns seine beeindruckenden Reiterkünste. Anschließend dürfen wir auch mal aufs Pferd. Mit zwei Tüten frischer Haselnüssen beladen lässt er uns nach ein paar Stunden weiterziehen. Die Menschen sind wirklich herzlich hier.

Langsam, aber sicher klettern die beiden Defender hoch hinauf. Die Straße nach Uschguli hat zwar einige Schlaglöcher, ist aber dennoch sehr einfach zu meistern. Oben angekommen werden wir mit einem atemberaubenden Panorama empfangen. Das kleine Dorf besteht hauptsächlich aus einigen traditionellen Wehrtürmen und Steinhütten und bietet einen Blick auf das 5000m hohen Gebirge, den Kaukasus. Wir finden einen Hügel, auf dem wir die Landys dicht auf dicht zum Stehen bringen, damit beide Autos für die Nacht auch geradestehen. Auch hier werden wir herzlich begrüßt, von einem riesigem Hund. Zunächst scheint dieser sehr lieb zu sein und Eileen und Nora kuscheln den Koloss. Dieses Trugbild wird aber schnell zerstört, als sich ein zweiter Hund auf den Hügel traut. Bellend stürzt sich das große Kuscheltier auf den Eindringling und macht schnell klar, wem das Revier gehört. Blutig gebissen und winselnd verschwindet der kleinere Hund wieder und wir halten ab sofort zwei Meter Sicherheitsabstand.

Von unserem Lager aus wandern wir am nächsten Morgen 2 ½ Stunden auf ungefähr 2400m Höhe, wo sich ein kleiner Gletscher befindet. Viel ist davon nicht mehr zu sehen, der Großteil ist bereits abgeschmolzen. Das übriggebliebene Geröll lässt jedoch erahnen, wie groß der Gletscher einst gewesen sein muss. Wir klettern etwas weiter hinauf, wo sich Luggi unter Noras wachsamen Auge in einen eiskalten Gletschersee wagt, bevor es wieder an den Abstieg geht. Mit schnell abtauenden Gletschern ist nicht zu spaßen.

Über den Zagari-Pass geht es nach einer Turmbesichtigung am nächsten Morgen wieder zurück in Richtung der Hauptachse Georgiens. Die Passstraße, die bis auf eine Höhe von 2600m ansteigt, führt durch den sagenhaften Kaukasus und besticht mit der ganzen Schönheit der Natur Georgiens. Im Voraus haben wir die wildesten Berichte gelesen, dass die Straße sehr anspruchsvoll sein soll, oder gar die schrecklichste Piste für andere gewesen sein soll. Dies stellt sich aber als falsch heraus. Der Weg ist im Sommer sehr gut machbar, dennoch empfehlen wir euch ein 4x4 Antrieb.

Kurz bevor wir die Hauptachse erreichen, durchfahren wir Zqualtubo. Hier können wir die Sowjetische Geschichte mit eigenen Augen erleben. Schillernde Zeiten liegen hinter diesem Ort, denn er war einst einer der bedeutendsten Kurorte der Sowjetunion. Zu Scharen pilgerten Menschen hierher, um sich zu erholen. Hierfür wurden unzählige Sanatorien gebaut. Leider sind diese glanzvollen Tage längst vorbei, denn nach dem Fall der Sowjetunion gab es keine Gelder mehr, um die Anlagen zu erhalten. So verfallen die großen Gebäude stetig weiter. Da ich Lost-Places liebe, übernehme ich kurzerhand die Programmplanung und wir besuchen insgesamt vier alte Komplexe. Die Gebäude sind teilweise noch sehr gut erhalten. Man kann unterschiedlichste Räume entdecken und findet unzählige persönliche Gegenstände, die zurückgelassen wurden. Das lieg vor allem daran, dass ab 1993 Flüchtlinge aus einem innergeorgischen Konflikt hier untergebracht wurden. Teilweise Leben immer noch Menschen, wenn auch vereinzelt, in den Gebäuden. Wir fragen uns, was in Zukunft wohl mit den gigantischen Gebäuden passieren mag. Ich haben gelesen, dass ein russischer Großinvestor inzwischen ein Sanatorium gekauft hat und wieder renovieren möchte. Auch wenn der inzwischen sehr arme Ort durch seine Lost-Places langsam wieder Aufmerksamkeit erlangt, glauben wir nicht daran, dass jemals wieder so viele Leute hierherkommen werden, wie zu damaligen Zeiten.

Kurz hinter der Stadt finden wir einen Schlafplatz in der Nähe eines Klosters, das auf einer Felssäule thront. Doch nicht nur das kleine Kloster, das stark an Meteora in Griechenland erinnert, lockt die Menschen hierher. Luggi und Nora sind begeisterte Kletterer. Hier in der Gegend soll es gute Felsen geben, an denen geklettert werden kann. Wir staunen nicht schlecht über die ganze Ausrüstung, die die beiden dabeihaben und können der Versuchung nicht widerstehen, uns ebenfalls mal in das Geschirr zu werfen. Wir bekommen eine professionelle Einweisung und dann geht es auch für uns in die Höhe. Wir stellen uns gar nicht so schlecht an und klettern an zwei unterschiedliche Routen. Abends fallen wir erschöpft ins Bett mit der Sicherheit, unsere Arme noch die nächsten beiden Tage spüren zu können.

Nicht nur in Zqualtubo sondern in ganz Georgien spüren wir den Einfluss der Sowjetunion. Zum Beispiel in Tschiatura, einer alten Bergbaustadt, die sich im Tal entwickelt hat. Über die ganze Stadt verteilen sich stillgelegte Strecken der Seilbahnen, deren Kabinen geisterhaft über dem Ort schweben. Eine alte Seilbahn ist noch intakt, wird momentan leider renoviert. Auch in Gori ist der sowjetische Einfluss spürbar. Gori ist der Geburtsort Stalins, wo es heute noch ein Ihm gewidmetes Museum gibt. Die Tour durch das Gebäude beschreibt sehr einseitig und glorifizierend die Geschichte des ehemaligem Machthabers. Eine ältere Frau übernimmt umsonst die Führung und erzählt den Touristen aus der ganzen Welt, welche großartigen Dienste er doch für dieses Land geleistet hat. Ein wirklich skurriles Erlebnis.

Langsam bewegen wir uns auf die Hauptstadt Tiflis, oder auf Georgisch ‚Tbilisi‘, zu. Je näher wir kommen, desto größer wird das Verkehrschaos. Eileen übernimmt das Steuer und während Sie sich im immer dichter werdenden Stadtlärm abquält, hole ich Schlaf nach und verpasse so drei Beinaheunfälle. Ein ruhigen Stellplatz in dem Chaos finden wir außerhalb der Großstadt auf einem Berg. Von hier können wir die Stadt gut überblicken

 

Natürlich bleibt es nicht nur bei dem Blick von oben. Zwei Tage wagen wir uns nach unten in die Mengen. Am ersten Tag erkunden wir die Boulder- und Kletterhallen der Stadt. Auch wenn diese nicht besonders gut ausgestattet ist, wir haben trotzdem Spaß. Anschließend müssen unsere Klamotten endlich mal wieder gewaschen werden und so verbringen wir den Nachmittag im Waschsaloon, der mit der Nutzung von deutschen Reinigern wirbt.

Am zweiten Tag werfen wir uns in unsere frisch gewaschenen Sachen und wir machen uns daran, die Metropole richtig zu erkunden. Wir starten unsere Tour, geführt von Nora, in der Altstadt. Hier findet sich ein kleines Marionettentheater mit Turm wieder. Das gesamte Gebäude und vor allem der Uhrenturm wirkt wie zusammengewürfelt und ist sehr verspielt, strahlt dadurch aber einen ganz einzigartigen authentischen Charm aus, der uns sehr gut gefällt. Nicht alles muss perfekt und genormt sein. Wir denken, dass Rezo Gabriadze, der den Turm gebaut hat und gleichzeitig einer der besten Marionettenspieler Georgiens ist, uns genau dies sagen möchte. Pünktlich zu jeder Stunde kommt ein Engel aus der Spitze und schlägt die Uhrzeit. Um 12 Uhr und um 19 Uhr öffnet sich zusätzlich eine Tür und es gibt eine kleine Geschichte zum Kreislauf des Lebens zu sehen. Man spürt die Liebe zum Detail. Was ein schöner Ort. Wir schlendern weiter durch die Altstadt und betrachten die schönen Häuser, die einen orientalischen Einfluss spüren lassen.

Auch in Tiflis gibt es unglaublich viel unterschiedliche Architektur zu entdecken, wie zum Beispiel die moderne Freiheitsbrücke, ein traditionelles Hammam, das stark an eine iranische Moschee erinnert, oder auch die Synagoge. Sehr gut gefällt mir die Straßenkunst des Künstlers Goshaart, die sich über der ganzen Stadt verteilt. Stromzähler, Bauzäune, Verteilerkästen - alles wird als passende Leinwand für humoristische Kunst, vor allem mit Straßenkatzen als Motiv, verwendet.

Als große Finale der Stadterkundung führt uns Luggi ins Nachtleben der pulsierenden Stadt. Wir werfen uns in Schale und stürzen uns in die unzähligen Bars der Stadt. Leider haben wir nicht damit gerechnet, dass es unter der Woche so unglaublich leer ist. Wir sind beinahe die einzigen Gäste in den meisten Bars und so ziehen wir Getränk für Getränk weiter. Spaß haben wir trotzdem, denn wir sind ja in bester Gesellschaft. So endet der Abend mit dem Versuch, noch per Taxifahrt in einen Club zu gehen, der natürlich nur am Wochenende geöffnet ist. Der Taxifahrer freut sich, denn per Taxi geht es dann wieder zurück.

 

Ich empfehle, dass ihr euch Tiflis in mehreren Tagen anzuschaut und das Nachtleben am Wochenende zu genießt. Ein Besuch können wir euch wirklich nahelegen. Es gibt viel zu sehen und die Stadt lebt von ihrer Diversität. Trotz allem liegt ein moderner und junger Flair über den Dächern, den man am besten selbst erleben sollte.

Für uns heißt es nach Tiflis Abschied nehmen von Luggi und Nora. Das fällt uns sehr schwer, denn die beiden sind uns sehr ans Herz gewachsen und wir sind richtig gute Freunde geworden. Doch der Abschied muss sein, denn die beiden wollen weiter den Süden Georgiens erkunden, während es für uns weiter nach Armenien geht.

 

So trennen uns unsere Wege und der einzige Stopp, den wir vor Armenien noch einlegen ist an einem kleinen See kurz vor der Grenze. Hier können wir nochmal in Ruhe die Erlebnisse dieses Landes auf uns wirken lassen. Vieles fühlt sich neu und fremd an und doch hat uns das Land sehr gut gefallen. Georgien hat unglaublich viele Gesichter und viel zu bieten. Man bekommt unweigerlich die zerrissene Geschichte des Landes zu Gesicht und neben den menschlichen Einflüssen ist Georgien mit einer unglaublich schönen Natur beschenkt, die sich im Sommer als grüne Oase zwischen der Türkei und dem Iran entpuppt. Die einflussreiche Rolle des sagenhaften Kaukasus ist hierfür natürlich nicht zu unterschätzen und so kann es im Winter bitterkalt werden. Die Entscheidung, mit dem Auto durch Georgien zu fahren, können wir euch nur ans Herz legen, nur so kann das Land in seiner Gesamtheit begriffen werden.

 

Auch wir haben uns fest vorgenommen, nochmal hier her zu kommen, um die restlichen Ecken zu erkunden. Doch zunächst steht ein neues Land und neue Erfahrungen an: Armenien. Wir sind sehr gespannt was das Nachbarland für uns breit hält.

gez. Alex