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Von Ankara bis Georgien

Wir sind glücklich, als wir Ankara nach vier Tagen den Rücken kehren. Sich für mehrere Tage in einer Stadt aufzuhalten, nachdem man so lange in der einsamen Wildnis war, ist immer wieder eine Herausforderung. Auch wenn der Service an George erfolgreich abgeschlossen wurde, eine Sache konnten wir trotz allem in Ankara nicht finden: Einen Wasserkanister.


Mit unserer derzeitigen Wasserlösung sind wir nicht zufrieden. Wir haben 12L Frischwasser in George und zusätzlich einen 20L Wassersack als Dusche. Diesen Sack ständig im Auto zu haben ist sehr nervig und sperrig. Wir sind auf der Suche nach einem Wasserkanister, der die Form eines Dieselkanisters hat, um einen Dieselkanister an der Außenseite zu ersetzten. Doch leider sind solche Kanister in der Türkei rar. Mehrere Tage verbringe ich mit einer Internetrecherche. Am Ende werde ich aber endlich fündig: Ein Militärkanister mit großem Deckel – hier würde auch unsere Tauchpumpe der elektrischen Dusche hineinpassen. Den Kanister gibt’s in Samsun, einer Stadt an der Schwarzmeerküste. Da es nur ein kleiner Umweg ist, steht somit unser neues Ziel fest. Es geht nordwärts in die nächste große Stadt.


Samsun ist in zwei Tagen schnell erreicht, nach 5 Stunden finden wir uns im Straßenchaos der Hafenstadt wieder. Da es Sonntag ist und der Laden erst wieder am Montag öffnet, verbringen wir unsere Zeit damit, unsere Wäsche waschen zu lassen, in einem Restaurant einen Mittagssnack zu genießen und anschließend durch die Gassen zu schlendern. Obwohl Samsun eine Hafenstadt ist, ist es hier nicht sonderlich schön. Der Hafen ist hauptsächlich industriell genutzt und die Stadt laut und eng. Einen schönen Stellplatz gibt es in der Nähe leider nicht und so verbringen wir die Nacht auf dem einzigen Campingplatz hier, der wirklich alles andere als entspannend ist. Er befindet sich zwar auf der Hafenseite am Wasser, aber auch direkt hinter der Autobahn und der Straßenbahnlinie. Die Toiletten sind nicht besonders sauber und die Duschen funktionieren nicht richtig. Wir sind wirklich froh, als wir uns am nächsten Morgen wieder abfahrbereit machen.

Es geht direkt zum Laden. An der Adresse angekommen staunen wir nicht schlecht. Ein moderner Komplex mit hippen Büros und feinen Hotels. Hier soll ein Militärladen sein, haben wir uns verfahren? Nein, ein Sicherheitsmann hilft uns den Laden ausfündig zu machen. K.O. Military Design, vermittelt das Schild am Eingang. Beim Blick in den Laden stellt sich direkt eine Enttäuschung ein. Es ist ein Design-Laden, der aus alter Militärausrüstung Designstücke kreiert. Zwar finden wir den Wasserkanister aus dem Internet, doch dieser ist alt und modrig. Geknickt ziehen wir weiter.


Wir versuchen es nochmal in der Innenstadt. Der Besitzer des Ladens meinte, wir könnten hier etwas finden. Also kämpfen wir uns von Laden zu Laden. Jeder weiß genau, wo es so etwas gibt und nennt uns einen anderen Ort. Fündig werden wir nicht. Am Ende kaufen wir einen anderen Wasserkanister, der jedoch nicht in unsere Kanisterhalter passt. Wir hoffen, dass wir in Georgien vielleicht eine bessere Lösung finden werden, und somit geht es mit George immer weiter in Richtung Osten.

Der Schwarzmeerküste zu folgen, hört sich romantischer an, als es in Wirklichkeit ist. Die Infrastruktur ist sehr gut ausgebaut und so führt eine breite Autobahn durchgängig bis nach Georgien. Die Küste daneben ist entweder zugebaut oder steinig und auf der entgegengesetzten Straßenseite geht es relativ schnell hoch ins Gebirge. Hier einen Schlafplatz zu finden ist wahre Sisyphusarbeit. Deswegen sind wir sehr zügig unterwegs und wollen nur einen Halt in Trabzon machen. So trist diese Stadt auch sein mag, für uns bedeutet sie wirklich viel.


Als wir vor zwei Jahren unsere Reise auf Grund von Corona abbrechen mussten, war Trabzon die östlichste Stelle unserer Route und der Umkehrpunkt. Jetzt nach alledem, was in der Zwischenzeit passiert ist, wieder hier zu sein, fühlt sich unglaublich an. Fast surreal. Wir fahren zum gleichen Stellplatz direkt am Wasser. Damals standen wir im März noch allein hier, heute ist er voll mit Badegästen. Privatsphäre Fehlanzeige, dicht an dicht reihen sich die PKW’s und dazwischen wir. Und dennoch sind wir happy. Ich wage einen Sprung ins Meer – dabei bleibt es, schnell verlasse ich wieder das eiskalte und von Quallen wimmelnde Nass.

Doch es wartet noch ein weiteres Highlight in dieser Stadt auf uns. Vor einer Woche haben wir über die Agentur TAP-Persia unser Visum für den Iran beantragt. Dieses können wir nun in der iranische Botschaft abholen. Aufgeregt geht es mit George in den nördlichen Stadtteil Trabzons, der an die steilen Berghänge gebaut ist. Die letzten Meter geht es zu Fuß hoch, dann erscheint die umzäunte Botschaft. Ein kurzes Klingeln, die Tür öffnet sich und schon sind wir auf iranischem Territorium. Die Beamten sind sehr nett und nach 15 Minuten verlassen wir das Gebäude mit unseren Visen in den Händen und einem breiten Grinsen im Gesicht.

Am nächsten Tag ist es Zeit für den Meilenstein. Nach einer entspannten Nacht geht es für uns weiter und wir erreichen den Tunneleingang, der den östlichsten Punkt von 2020 markiert und durchfahren ihn. Unglaublich. Ab jetzt ist alles neu, alles ungesehen und für mich, der östlichste Punkt, an dem ich je war.


Wir nähern uns mit großen Schritten Georgien und plötzlich liegt ein spezieller Duft in der Luft. Es riecht nach Chai. Der Nordosten der Türkei ist dessen größtes Teeanbaugebiet und an der Küste reihen sich die Teefabriken. Eileen möchte unbedingt die Teeplantagen sehen und so fahren wir bei Rize wieder in Richtung Süden ins Landesinnere. Hier, wo es hoch in die Berge geht, beginnen die Plantagen sich an den Hängen zu terrassieren. Ein magisches Bild.

Einer der größten Teeproduzenten der Türkei errichtete in den Bergen einen kleinen Park. Hier kann man für teures Geld frischen Tee genießen. Um den Platz herum führt ein kleiner Rundweg, der einen Blick auf entfernte Teefelder offenbart und an einem kleinen Glasbau vorbeiführt, in dem man die Produktionsschritte vom frischen Teeblatt bis hin zum fertigen Tee beobachten kann. Am Eingang warten kleine Buden, an denen man den Touristen Geld für die hauseigenen Teepackungen abnimmt. So schön auch alles wirkt, leider ist hier alles ein Nachbau und die authentische Teeproduktion sowie echte Arbeiter bei der Ernte gibt es natürlich nicht zu sehen.


Da wir aber nicht auf der Suche nach einem verschönten und touristenfreundlichen Erlebnis sind, fahren wir zügig tiefer in die Berge. Plötzlich finden wir uns auf einem Hügel inmitten von Teeplantagen wieder. Die Straße wird andauernd von rostigen Pick-Ups gekreuzt, die beladen mit Beuteln voller frischen Teeblättern und ärmlich gekleideten Bauern sind. Auch in den Plantagen selbst kann man den Bauern bei der Ernte zuschauen. Als die Sonne untergeht und den Berg mit gold-rotem Licht bescheint, beschließen wir hier eine Nacht zu verbringen.

Inzwischen ist es schon dunkel, wir sind dabei mit meinen Eltern zu telefonieren, als plötzlich ein klappriger Wagen vor George hält und mehrfach hupt. Zunächst ignorieren wir den Wagen, doch der Fahrer steigt aus und klopft wie wild gegen die Scheibe. Glücklicherweise sind die Lüftungsgitter an den Fenstern und so beginne ich mit dem Mann zu diskutieren. Er spricht energisch auf Türkisch und macht keine Anstalten sich zu beruhigen. Also beginnen wir uns mit Google-Übersetzter zu verständigen. Leider ist Türkisch nicht die Stärke des kleinen Helfers und so funktioniert die Verständigung eher mäßig. So fallen in dem 15-minütigem Gespräch folgende Aussagen laut Übersetzter: „Ihr könnt hier nicht bleiben“; „das ist mein Land“; „Ich bin nicht derjenige der euch Missbraucht“; „Kommt mit mir zum Kern“. Wir verstehen folgendes: Die kleine Anhöhe ist sein Grundstück. Er meint, dass es gefährlich sein könnte hier zu stehen. Von Ihm gehe keine Gefahr aus, aber er möchte uns näher zur Stadt bringen, da es dort sicherer sei. Eine ähnliche Situation hatten wir schon einmal bei der letzten Reise. Im Osten der Türkei sind viele um die Sicherheit von Touristen besorgt, vor allem in entlegenen Gegenden. Wir haben oft davon gehört, dass Overlander aus Sicherheitsgründen spät abends geweckt wurden. Andersherum haben wir nie etwas schlechtes oder von gefährlichen Situationen gehört. Es scheint tatsächlich eine Angst zu sein, die hier in vielen Köpfen herrscht, aber schlichtweg eine Art von Vorurteilen sein könnte. Da der nette energische Mann aber einfach nicht gehen will, entschließen wir uns weiterzuziehen.


Stellplatzsuche in der Dunkelheit um 23 Uhr ist immer toll – Achtung, Ironie. Wir starten den Motor und fahren 30 Minuten zum nächsten und einzigen Stellplatz, den wir über die App Park4Night finden und der ansatzweise gut bewertet ist. Er befindet sich abseits der Hauptautobahn, neben einem Tunnel. Was wir noch nicht wissen ist, dass direkt hinter dem Tunnel ein neuer Flughafen gebaut wird und die ganze Nacht im 5min Takt die Laster mit 80 Km/h über die einfache Piste brettern. Somit wäre dann auch die schlimmste Nacht auf unserer Reise abgehakt.


Sehr müde und geknautscht, wachen wir am nächsten Morgen auf und werden von den Landenden Flugzeugen begrüßt. Ohne Frühstück geht es über die Autobahn weiter, die letzten Kilometer bis zur georgischen Grenze. Bereits mehrere Kilometer vorher stauen sich die LKW’s, die auf dem Weg in Richtung Osten sind. Wir tanken nochmal auf und füllen unsere Essensvorräte, denn Georgien soll teurer sein als die Türkei. Mit den letzten türkischen Lira kaufen wir uns ein Doppelpack Snickers, das uns später den Grenzübergang retten wird - die Auflösung gibt’s im nächsten Artikel! Plötzlich erscheint vor unseren Augen die Grenze. Wir sind aufgeregt und voller Vorfreude, was dieses neue Land uns bieten mag und wir können es kaum erwarten, euch zu davon zu berichten! Güle, Güle Türkiye (Tschüss Türkei), es war sehr heiß, aber wieder mal sehr schön.

gez. Alex