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Von Sarajevo nach Mostar über Lukomir

Kilometer für Kilometer nähern wir uns der Hauptstadt von Bosnien & Herzegowina. Der Weg dorthin ist ein Umweg von mehreren Kilometern, den wir aufgrund von unbekannten Motorgeräuschen von George auf uns nehmen. Am Sonntag erreichen wir den Stadtrand und besuchen das Naturschutzgebiet Vrelo Bosne. Die Werkstatt öffnet erst am nächsten Tag und so haben wir noch etwas Zeit für Sightseeing. Die Nähe zur Hauptstadt macht diesen Park zu einem beliebten Ausflugsziel der Städter. Zur Verpflegung der Besucher bietet der Park neben einem überteuertem Restaurant kleinen Buden an, die Spielsachen, Eis und Snacks verkaufen. Eine ältere Frau am hintersten Stand erregt Alex Aufmerksamkeit. “Ćevapi“, ruft sie laut zu uns rüber. “Ćevapi!“ Noch oft imitieren wir nachfolgend diesen so speziell betonten Ausruf. Zehn Cevapcici bietet sie für sieben KM (Konvertible Mark – 1KM = 0,50€) an. Alex bestellt fünf Cevapcici und wir sollen uns an den Tisch in der Nähe setzen. Als sie die frisch gegrillt Portion zu uns bringt, hat sie eine Art Kartoffelkuchen dabei. Sie stellt ihn mir hin und gibt mir zu verstehen, dass ich ihn essen soll. Ob sie sich gedacht hat, dass ich nichts bestellt habe, weil ich kein Fleisch esse? Ich kann es nur vermuten und freue mich über die aufmerksame Geste und den leckeren Snack.

Vrelo Bosne gefällt uns sehr. Die Seen, die kleinen Bäche und Flüsse aus klarem Wasser lassen eine ruhige Atmosphäre entstehen. Auf unserer Decke am Bach schreibt Alex am Blog weiter und ich lese. Zwischendurch kommen Schwäne samt Nachwuchs vorbei und erfreuen die Besucher. Sie sind Hauptattraktion des Parks und beliebtes Fotomotiv.

Interessant gestaltete sich zudem die Parksituation am Eingang. Der Einweiser hatte kaum noch jemanden zum Eingang fahren lassen, da neben den Autos der Städter und der Reisebusse kaum noch Menschen vorbeikamen. Wir freuten uns also sehr, als er uns vorbei an den Autos zu unserer Parkbucht führte. Nur Geländewagen wurden noch vorbei gelassen.

Kurze Zeit später erkennen wir wieso, jedoch waren uns 18 Grad Neigung dann doch zu viel, und wir durften nochmal umparken und uns längs der Steigung stellen. Für uns ist es kaum vorstellbar, dass mit einem Defender theoretisch sogar 35 Grad Neigung möglich sind.

Nachmittags erreichen wir endlich Sarajevo. Wir parken etwas außerhalb an einem Museum, das die Kriegsgeschichte der Hauptstadt erzählt. Mit dem letzten Einlassen kommen wir gerade noch hinein. In Kooperation mit verschiedenen Schulen der Stadt wurde der geheime Fluchttunnel aus der Belagerungszeit 1992-95 restauriert und zum Museum umgebaut. Anschaulich wird den Besuchern vermittelt, welche Anstrengungen notwendig waren, dass es nach 1 ½ Jahren serbischer Belagerung erstmals wieder möglich war die Stadt zu verlassen, Strom zu beziehen und Kraftstoff sowie Lebensmittel zu erhalten. Der 800 Meter lange Tunnel, von dem noch ca. 300m besichtigt werden können, verläuft unterhalb des Flughafengeländes, das ab Juli 1992 Schutzzone der UN wurde. Nach diversen Kriegsverbrechen serbischer Streitkräfte intervenierten die Vereinigten Nationen und verhandelt die Lieferung von Hilfsgütern. Trotz Schutzzone machten die serbische Scharfschützen eine Flucht über die Rollbahn unmöglich.

Während unserer Schulzeit haben wir nicht viel über den Bosnienkrieg erfahren. Jetzt zu entdecken, wie brutal und langwierig dieser war, überrascht uns. Wir sehen die Parallel zum aktuellen Ukrainekrieg und sind erschüttert, dass sich die Geschichte abermals zu wiederholen scheint.

Am Montag fahren wir früh morgens zum Ersatzteileladen ‚Land Rover Bosna Sarajevo‘ und werden dort freundlich begrüßt. Im einwandfreiem Englisch werden wir beraten und zu einer Werkstatt (BBA Autoservis) gelotst, bei der bereits zwei weitere Defender auf dem Hof stehen. Mit professionellem Blick in den Motorraum und nach Starten des Motors wird uns direkt die Diagnose genannt. Das Lager der Riemenscheibe als Bestandteil des Keilriemenantriebs ist defekt und muss getauscht werden. Relativ hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dies ebenfalls eine Folge der fehlenden oberen Befestigung der Lichtmaschine ist. Uns stehen nun drei Möglichkeiten zur Auswahl. Erstens: Ein Ersatzteil aus England mit einer Woche Lieferzeit; zweitens: Ein gebrauchtes Teil aus Mostar (BiH) zum Bruchteil des Preises und drittens: Wir besorgen das Ersatzteil über unsere Werkstatt in Deutschland. Nach Rücksprache mit Peter (BS Automobile) entscheiden wir uns für die Variante Zwei. Der Versand von Deutschland nach BiH würde kostenintensiv werden und ein gebrauchtes Teil würde völlig ausreichen. Wir freuen uns über die Wahl der günstigsten Variante von umgerechnet 310€. Nach bereits drei Tagen ist George wieder fahrbereit.

Die Wartezeit überbrücken wir, Dank unseres gelben Engels, dem ADAC, in einem AirBnB in der Nähe. Wie es der Zufall will, übernachten in direkter Nachbarschaft die Besitzer des anderen Defenders vom Hof der Werkstatt. Rachel, Lawrence und ihre Hündin Peggy sind ebenfalls in Sarajevo gestrandet. Der Versand für das für sie notwendige Ersatzteil dauert deutlich länger und so freuen sie sich über die Abwechslung, die sich durch uns bietet. Gemeinsam verbringen wir zwei Abende mit leckerem selbstgekochten Essen, spielen Kolzina, ein Kartenspiel aus Alex Familientradition, und tauschen uns über unsere Reisen und Abenteuer aus. Unter dem Titel `The Overlanding Ambulance‘ versuchen sie einen Weltrekord aufzustellen. Ihr Ziel ist es, die bisher weiteste Strecke mit einem ehemaligem Ambulanzfahrzeug zu fahren. Die Corona-Pandemie, der Brexit und der Ukrainekrieg haben auch ihre Pläne mehrfach durchkreuzt und so sind sie trotz der aktuellen Panne froh, überhaupt unterwegs zu sein. Auch Sie haben das Planen aufgegeben und reisen entsprechend der aktuellen Möglichkeiten und Einschänkungen.

Sobald George wieder fit ist, geht es für uns hoch hinauf zum höchsten Dorf Bosniens. Lukomir liegt auf 1455m Ü.NN. Auf dem Weg dorthin fahren wir durch das ehemalige Olympische Gelände von 1984. Vieles wird hier nicht mehr genutzt. Das Hotel Igman, dass wir entlang der Straße entdecken, ist sogar komplett entkernt wurden und so ist von dem einstigen Glanz nichts mehr zu erkennen. Das Gelände bietet sich als super Ort an, um mal wieder unsere Drohne fliegen zu lassen. Zwischen Geröll und Müll klettern wir das Treppenhaus bis aufs Dach hinauf und genießen die großartige Aussicht.

Von dort fahren wir weiter zu unserem eigentlichen Ziel, dem Bergdorf Lukomir. Bald ist die geteerte Straße nur noch ein Schotterweg und wieder mal freuen wir uns, dass wir uns für den Defender entschieden haben, und so ist das Befahren des Weges für uns kein Problem. Wir nutzen die Weite der Hochebene und Alex übt sich beim Fliegen der Drohne. Wirklich schöne Aufnahmen sind dabei entstanden. Während der Fahrt treffen wir auf einen Hirten mit seiner riesigen Schafsherde und wir sagen ihm mit Händen und Füßen, wie sehr uns sein Land begeistert. Wir können seine Freude in seinem Gesicht erkennen.

In Lukomir angekommen sind wir überrascht, wie klein dieses Dorf ist und wie bekannt es bereits in der Tourismusbranche geworden ist. Bis auf eins zwei kleine Restaurants und zwei Shops, in denen Wollkleidung verkauft wird, gibt es hier nichts bis auf die wunderschöne Natur. Wir klettern zum Aussichtspunkt hinauf und genießen die Aussicht bei einem kleinen gemütlichen Picknick in der Sonne.

In Lukomir übernacht wollen wir nicht. Zwar hätten wir bestimmt einen guten Übernachtungsplatz finden können, jedoch treibt es uns weiter. Nachdem wir die drei Tage bereits in Sarajevo bleiben mussten, möchten wir endlich nach Mostar im Südwesten Bosniens. Noch immer begeistert von der Aussicht, verpassen wir bei der Weiterfahrt die Ausfahrt und müssen nahezu den ganzen Weg wieder zurück, den wir gekommen sind. Wir fahren wieder durch das Olympische Gelände und entdecken dabei sogar noch einen weiteren verlassen Komplex der damaligen Spiele: Zwei marode Skisprungschanzen. Spontan halten wir an und beschließen, wir wollen hoch hinaufklettern und die Perspektive einnehmen, in der ein Springer vor dem Absprung steht. Als es zu steil wird entdecken wir im hinteren Teil der Schanze eine Treppe und folgen dieser bis nach ganz oben. An der Kante zu stehen ist berauschend. Keiner von uns würde sich trauen hier herunterzufahren und auch noch abzuspringen. Glücklicherweise führt uns die Treppe sicher wieder nach unten.

Durch den Umweg und den Besuch der Schanze ist es spät geworden und wir beschließen, hier zu übernachten. In einem Park in der Nähe haben wir ein Expeditionsmobil stehen sehen und beim Herüberfahren werden wir schon zu Ihnen her gewunken. Die Besitzer erzählen uns, dass sie seit vielen Jahren in der Welt zuhause sind und ihre ersten Touren ebenfalls im Defender fuhren. Wir tauschen gegenseitig Geschichten und Erfahrungen aus und freuen uns über die zufällige Bekanntschaft. Am Morgen darauf setzten wir unsere Gespräche fort und besichtigen das Auto des jeweilig anderem. Nach individuell Vorgaben haben sie ihren Iveco Daily mit Kabine bauen lassen. Ein zwei Ideen nehmen wir auf jeden Fall mit. Eine davon ist der Wasserhahn mit zwei Anschlüssen für gefiltertes und nicht gefiltertes Wasser aus den entsprechenden Tanks. Sie haben sogar einen Schrank, in dem sie ihre Klamotten auf Bügeln aufhängen können. Dies sind Dinge, von denen wir nur träumen können. Wir verabschieden uns und hoffen, sie bald irgendwo wieder zu sehen, um ihnen dann von unsere Eindrücke der Seidenstraße erzählen zu können.

In den Gesprächen wurde uns eine weitere eindrucksvolle Sehenswürdigkeit BiHs empfohlen, die auf dem Weg nach Mostar liegt. Bei Konjic befindet sich der Nuklearbunker Titos ‚ARK‘ (Atomska Ratna Komanda) aus den Zeiten des Kalten Krieges. 1953 begann der Bau des 6400 Quadratmeter großen Komplexes, der sich 280 Meter tief in den Berg erstreckt. Im Falle eines nuklearen Angriffs hätte die komplette jugoslawische Staats- und Armeeführung hierher fliehen können. Die Vorräte könnten 350 Personen ungefähr ein halbes Jahr ernähren. Die fortschrittliche Technik von damals ist noch heute funktionsfähig. Erst 1990 wurde der Bunker der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. 2011 hat hier die erste Auflage der Biennale für zeitgenössische Kunst (D-o ARTK Underground) stattgefunden. Die Werke von damals können wir noch heute besichtigen. Gerne hätten wir dafür mehr Zeit zur Verfügung gehabt, jedoch ist das Besichtigen des Bunkers und somit auch der Ausstellung nur mit einem Guide möglich.

Nach 1 ½ Stunden verlassen wir den klimatisierten Bunker wieder und steigen in unser hochtemperiertes Auto. Unser nächstes Ziel erreichen wir nach einer wunderschönen Fahrt entlang der Neretva und ist die Stadt Mostar, die für ihr restaurierte mittelalterliche Altstadt bekannt ist. Wir schlängeln uns durch die engen Gassen vorbei an den vielen Touristen. Allerlei Gedöns kann hier in den kleinen Verkaufsläden erworben werden. Vieles erinnert uns an die Artikel in der Türkei, produziert wird vieles in China, aus echter Handarbeit scheint nichts mehr hier entstanden zu sein. Abends essen wir in einem der vielen Restaurants mit Blick zur Brücke. Trotz enger Gassen und viel Verkehr gibt es nahe einer Kirche einen weitläufigen Parkplatz, der sogar vereinzelt Schatten bietet. Leider schauen wir nicht genauer zwischen die Beete und werden nachts von einer Sprinkleranlage geweckt, die im monotonen Rhythmus George mit Wasser besprüht. Nach schnellem Umparken schlafen wir erneut ein und freuen uns am nächsten Morgen über die kostenlose Autowäsche.

Mostar befindet sich nahe der kroatischen Grenze und fast hätten wir die letzte Sehenswürdigkeit auf unserer Liste zu BiH übersehen, die Wasserfälle von Kravica. Dass ich leidenschaftlich gerne Wassefälle besichtige, wisst ihr ja bereits. Früh morgens fahren wir zum touristisch ausgebautem Gelände und huschen am Eingang vorbei, bevor die Tickethäuschen öffnen. Ohne andere Touris erhaschen wir einen freien Blick auf den Fluss Trebizat, der hier über einen 120m breiten Hang bis zu 28 Meter in die Tiefe stürzt. Schwimmen ist hier sogar erlaubt und so wage ich mich so nah wie möglich heran. Schöner hätte unsere Entdeckungsreise von Bosnien und Herzegowina nicht enden können und so verlassen wir das Land nach zwei ereignisreichen Wochen und mit vielen gesammelten Erinnerungen in Richtung Albanien.

gez. Eileen