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Von Tirana bis Griechenland

Wir sind ungefähr auf der Hälfte Albaniens in Tirana angekommen. Bis jetzt konnte das Land mit dem zweiköpfigen Adler auf der Flagge nicht richtig mit unseren Erwartungen mithalten. Wir sind sehr gespannt, ob sich das in den kommenden Tagen ändern wird. Nachdem wir den besonderen Campingplatz in der Hauptstadt verlassen haben, geht es für uns ins Hinterland. Hier gibt es eine Höhle, in der es von Fledermäusen nur so wimmeln soll. In der Dämmerung erreichen wir das kleine Dorf Pellumbas, bestehend aus nur einer Handvoll Häusern. Dort befindet sich ein kleines Informationszentrum zu der „Black Cave“, an dem wir vom Besitzer freundlich empfangen werden. Hier gibt es, wie der Name bereits sagt, einige Informationen & Kartenmaterial zu der Höhle, sowie Stirnlampen, die für 400 Lek (120 Lek=1€) ausgeliehen werden können. Wir unterhalten uns kurz mit ihm und er bietet uns an, in seinem Restaurant, dass genau neben dem Informationszentrum liegt, etwas zu essen und wir kommen dem Angebot gerne nach. Das Essen hier ist sehr günstig, aber leider auch nicht das Beste, auch wenn die Frau authentisch albanisch kocht.

Am nächsten Morgen stehen wir früh auf und werden von Amelie angesprochen. Sie ist Französin und reist mit ihrem Freund Lorenz durch Europa. Schnell verstehen wir uns gut und machen uns gemeinsam auf, um die Höhle zu suchen. Begleitet werden wir von einem Hund, der nicht von unserer Seite weicht. Nach ein paar Metern werden wir von einem Einwohner freundlich begrüßt. Er scheint stumm zu sein, denn er macht uns per Zeichensprache klar, dass er hier wohnt und einen Ziegenhirte ist. Es sieht so aus, als wolle er uns sagen, dass er seine Ziegen einsammeln möchte und uns deswegen den Weg zur Höhle zeigt. So haben wir unseren letzten Gefährten dieser inzwischen skurrilen Gruppe gefunden. Gemeinsam machen wir uns an den Aufstieg. Dabei weiß der Ziegenhirte zu entertainen, denn er kennt die Gegend hier ganz genau. Oft macht er mit einigen Lauten auf sich aufmerksam, zeigt uns die schönsten Fotomotive, die von uns auch wirklich fotografiert werden müssen und ist mit seinen Flip-Flops erstaunlich agil auf dem steinernen Pfad durch die schöne Natur unterwegs.

Nach ungefähr einer Stunde erreichen wir schließlich den Eingang der Höhle. Zu unserer Überraschung begleitet uns der Ziegenhirte doch mit hinein. Auch der Hund folgt uns in die Dunkelheit. Glücklicherweise haben Amelie und Louis starke Kopflampen dabei, denn unsere mitgebrachten Kopflampen schaffen es lediglich einen kleinen Bereich vor den Füßen auszuleuchten. Es geht tief hinein, vorbei an beeindruckenden Felsformationen, bis die Luft sehr feucht und etwas warm wird. Überall auf dem Boden verteilt liegt Fledermauskot, der in der feuchten Höhle zu schimmeln beginnt. Beim Blick nach oben sehen wir an der Decke in etwa 12m einen riesigen Schwarm an Fledermäusen umherkreisen. Doch nur kurz sollen wir die Flugkünstler anleuchten, um sie nicht zu lange zu stören, dann begleitet uns der Ziegenhirte wieder aus der Höhle.

Er nimmt uns wieder mit zurück ins Dorf, wo er uns zum Abschluss seiner Tour stolz seine Ziegen zeigt, die nicht wie gedacht oben in den Bergen, sondern die ganze Zeit hier im Stall waren. Tatsächlich erwische ich mich bei dem Gedanken, dass er jetzt gleich nach Geld fragen wird – doch dem ist nicht so. Er scheint einfach froh zu sein, sein schönes Land zeigen zu können und wir sind ihm sehr dankbar dafür. Jeder bekommt zum Abschied noch eine feste Umarmung, dann ziehen wir mit dem Hund zu den Autos zurück. Gerade haben wir diese erreicht, als es auch schon zu regnen anfängt. Es regnet aus Kübeln und so ziehen wir uns mit den Franzosen zurück ins Restaurant, quatschen und spielen Spiele, bis es dunkel wird. Zum Abend verlassen uns Amelie und Lorenz, wir bleiben noch für die Nacht und fahren am nächsten Morgen weiter.

Wir machen einen kurzen halt in Berat, der Stadt der 1000 Fenster. Die Stadt ist inzwischen ein Unesco-Weltkulturerbe und besteht aus zwei Bereichen, die durch einen Berg, auf dem eine Festung sitzt, und einen Fluss getrennt sind. Der eine Teil war früher der muslimische Teil der Stadt, der von der osmanischen Architektur mit seinen vielen Fenstern geprägt ist und namensgebend ist. Der andere Teil war der ehemalige christliche. Wir steigen hinauf zur Festung und genießen den Blick von hier oben. Anschließend schlendern wir noch einmal über die Brücke zum muslimischen Teil, betrachten von hier die schönen Fassaden der Häuser und genießen den eigenen Flair, den die Stadt für die Besucher bereithält.

Nach dem kurzen Zwischenstopp geht es auf direktem Wege in die Ozum-Schlucht. Wie ein Reptil schlängelt sich der Fluss Ozum durch tiefe Felsen und massiges Gestein und bildet so einen beeindruckenden Canyon. Besonders schön ist, dass die Straße, der man folgt, oberhalb der Schlucht dicht am Abgrund entlangführt. Uns bietet sich ein atemberaubendes Panorama der Natur, bis wir von der Hauptroute abzweigen und etwas abgelegener, an einem kleineren Zulauf des Flusses, Halt machen, um hier eine Nacht in Abgelegenheit verbringen. In dem stufenweise abfallenden Flusslauf lässt es sich sogar baden und abends werden wir hier von einem Schäfer mit seiner Horde an Schafen, Ziegen, Pferden und Esel überrascht.

Am Morgen geht es weiter entlang des Canyons. Mit George überqueren wir die Schlucht an der tiefsten Stelle über eine alte Brücke und folgen anschließend einem Weg nach unten zum Fluss. Hier gibt es an einer kleinen „Lichtung“ ein Café, das direkt am Wasser liegt. Dahinter führen zwei hohe Felswände wieder in die Tiefen der Schlucht. Die Strömung ist an diesem Abschnitt so gering, dass man teilweise zu Fuß, teilweise schwimmend dem flachen Flussbett in den Canyon folgen kann. Das ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit: der Besitzer des Cafés hat drei Kajaks zur Verfügung gestellt, die man sich umsonst für einen kurzen Ausflug leihen kann. Auch wenn die Kajaks alles andere als professionell sind und mit schweren Holzpaddeln zu bedienen sind, wagen wir uns dennoch damit auf den Fluss. Die Strömung ist zwar nicht stark, aber es ist dennoch schwierig gegen die Strömung anzukämpfen, vor allem mit den viel zu kurzen Paddeln. Nach kurzer Zeit drehen wir um, lassen uns Stromabwärts zum Café zurücktreiben und den Blick durch die Natur schweifen.

Vom Kajak wechseln wir wieder in den Defender, denn der kommende Streckenabschnitt ist sehr abenteuerlich und hat es in sich. Es gibt eine berüchtigte Straße vom Canyon in Richtung Süden. Wir haben einiges darüber gelesen und gehört. Die einen beschreiben sie als unmöglich passierbar, die anderen schwärmen von dieser Strecke. Wenn ein Auto überall hinkommt, dann ist es wohl ein Defender! Also geht es für uns nicht zurück über die Autobahn, sondern natürlich über genau diese Strecke zu unserem nächsten Ziel. Die Straße ist sehr ausgewaschen und steinig, ohne 4x4 währe es wohl keine gute Idee hier langzufahren. Aber auch wenn einige Passagen schwierig sind, für George ist es absolut kein Problem. Ungefähr auf der Hälfte treffen wir auf ein älteres Pärchen im Defender. Freudig grüßt man sich und kommt ins Gespräch. Die beiden haben ihren Defender noch nicht so lange und waren bis jetzt nur einmal im Gelände unterwegs. Da sie aus der anderen Richtung kommen, fragen wir, wie der Streckenabschnitt weiter geht. Sie erzählen uns, dass es eine wahre Herausforderung sei und sie den ganzen Weg mit Untersetzung (die „Geländegänge“ - viel Kraft, wenig Geschwindigkeit) gefahren seien. Respektvoll machen wir uns weiter, doch hier lässt sich wieder die unterschiedliche Einschätzung der Menschen feststellen. Die Strecke wird etwas anspruchsvoller, aber die Untersetzung brauchen wir nur einmal kurz, ansonsten bahnt sich George mit Eileen am Steuer seinen Weg durch eine beeindruckende Natur geprägt von massiven Bergen, dichten Wäldern, großen wilden Wiesen – einfach schön. Gut durchgeschüttelt erreichen wir nach zwei Stunden Fahrt das Ende der Rüttelpiste.

Zur Belohnung bekommt George eine Wäsche, die auch wir nötig haben. So trifft es sich gut, dass unser nächstes Ziel heiße Quellen sind. Die Quellen liegen an einem Zufluss der Vjosa im Süden Albaniens, der Europas letzter freilaufender Fluss ist. Wir sind froh, dass uns die Strecke zu den Quellen etwas an ihm entlangführt. Auch wenn man den Unterschied zu einem anderen Fluss nicht direkt sehen mag, es ist schon etwas Besonderes dieses Stück unberührte Natur einmal mit eigenen Augen gesehen zu haben. Wir kommen abends an den Quellen an und auf dem Parkplatz stehen bereits viele Wohnmobile und Overlander. Wir suchen uns ein freies Plätzchen an einem Baum und erkunden anschließend die Gegend zu Fuß. Direkt am flachen Fluss liegen mehrere Becken, die gefüllt mit Menschen sind. Bei sowas muss ich immer unweigerlich an große Hummerkochtöpfe denken. Über eine alte Steinbrücke geht es zu einem kleinen Becken mit einem Feigenbaum und dem großen Hauptbecken. Die anderen Quellen folgen Flussaufwärts verteilt am Ufer. Wir freuen uns schon darauf, die Quellen am nächsten Morgen auszuprobieren.

Früh morgens um Acht schleichen wir aus George, um die ersten im warmen Wasser zu sein. Das klappt auch fast, nur ein Rentnerpärchen aus Leipzig ist uns zuvorgekommen. Wir unterhalten uns mit den ehemaligen DDR-Bewohnern Dietmar & Marion und verstehen uns sehr gut. Die beiden sind fasziniert von unserem Plan und erzählen von ihren Reisen. Früher sind Sie mit ihrem Trabbi durch ganz Europa gereist und teilen nun mit uns ihre spannende Geschichten. Wir wandern noch etwas Flussaufwärts, um insgesamt sechs Quellen zu erkunden.

Nach und nach füllen sich die Becken mit Menschen, unser Zeichen aufzubrechen. Wir kommen der griechischen Grenze immer nähe, nur noch drei weitere Orte haben wir uns in Albanien ausgesucht. Der erste ist die Festungsstadt Girokaste. Auf einem Berg im Südwesten des Landes erstreckt sich eine große Festung, umringt von alten Häusern. Einmalig an der osmanisch geprägten Architektur ist, dass hier alles aus Stein gefertigt ist, bis hin zu den Dachschindeln. Auf der Festung selbst befindet sich heute ein Museum mit ehemaligem Gefängnis der Nazis, eine große Veranstaltungsfläche und eine alte Kirche an der Spitze der Stadt. Mit der Drohne mache ich ein paar schöne Aufnahmen, bevor der Wind des aufziehenden Gewitters zu stark wird. Schnell fliehen wir ins Trockene.

Da unsere Vorräte beinahe aufgebraucht sind entschließen wir uns einkaufen zu fahren. Beim Supermarkt angekommen trauen wir unseren Augen kaum – da steht schon George! George? Naja, zumindest sein Bruder. Es handelt sich ebenfalls um einen Td5, der auch denselben Grünton wie George hat und ebenfalls eine Hardtop-Variante mit eingebauten Fenstern ist. Was ein schöner Zufall. Auch der Besitzer kann es kaum glauben, ein Österreicher in unserem Alter. Natürlich folgt ein langes Gespräch über die Autos, gefolgt von Inspektionen, dann haben sich die beiden Defender genug beschnuppert und es geht weiter in Richtung Süden.

Hier liegt das Blue-Eye, eine eiskalte Quelle, die tief in der Erde sitzt. Man weiß nicht genau wie tief die Quelle unter der Erde liegt, doch an der Stelle, an der Sie an die Wasseroberfläche tritt, ist das Wasser tiefblau, wie ein dunkelblaues Auge. Auf der Fahrt dorthin treffen wir wieder auf Marion und Dietmar. Wir überholen uns gegenseitig ein paarmal und es ist immer lustig, wenn wir winkend aneinander vorbeifahren. Vor Ort angekommen spazieren wir den neu gemachten Weg, der nicht mit Auto passiert werden darf, bis zur Quelle. Mit ihrem tiefen Blau sieht sie wirklich außergewöhnlich schön aus. Plötzlich fragt mich Eileen, ob wir nicht schwimmen gehen wollen. Ich tippe meine Zehenspitze in das Wasser – es ist eiskalt. Ich bin oft für spontane Erlebnisse zu haben, aber hier bringen mich keine 10 Pferde hinein. Doch Eileen bleibt zielstrebig und wagt einen Sprung hinein und die starke Strömung treibt sie direkt ans Ufer zurück. Sie kann kaum gegen die Strömung ankommen. Nach dem kurzen Abendteuer spazieren wir wieder zurück, wo bereits das Abendessen auf uns wartet. Mit Dietmar und Marion, unseren neuen Freunden, verbringen einen schönen Abend begleitet von guten Geschichten und dem ein oder anderem Gläschen Wein, um anschließend müde ins Bett zu fallen.

Auch an diesem Morgen stehen wir früh auf, um nochmal ohne Touristen zum Blue-Eye zu laufen. Wir sind die ersten hier und werden von einer unzähligen Anzahl an schwarz-blauen Libellen überrascht. Diesmal wage auch ich nach viel Motivationsversuchen von Eileen einen Sprung ins Wasser und erfrischt machen wir uns auf den Rückweg. Als wir zurück am Parkplatz ankommen trauen wir unseren Augen nicht. Es ist 9 Uhr und scheinbar die Ankunftszeit der Touristenbusse. Der Parkplatz, an dem wir gestern nur zu zweit waren, ist plötzlich komplett überfüllt. Es wird gehupt, gedrängt und um die letzten Parkplätz gestritten. Von einer deutschen Touristengruppe schnappen wir auf, dass der neue Weg zum Blue-Eye für einen Autozug gebaut wurde, der in ein paar Monaten fertig sein soll, um den Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen und sie bequem zum Ziel zu befördern. Schnell flüchten wir von diesem schönen Ort und sind froh, dass wir ihn ohne das Chaos erleben durften.

Es folgt unser letztes Ziel in Albanien, Ksamil. Ein Tipp meiner Schwester. Sie hat von einer albanischen Freundin gehört, dass die Strände hier wie auf den Malediven aussehen. Der Ort ist lediglich eine Stunde von der griechischen Grenze entfernt, liegt an der Küste und man kann von dort aus bereits auf die griechische Insel Korfu blicken. Wir erwarten wieder einige Touristen und werden nicht enttäuscht. Der Ort ist überfüllt mit Menschen, Bars, Hotels und Restaurants. Am Strand gibt es sogar richtige Schlangen an den Stegen für das perfekte Instagram-Foto. Obwohl wir ungern zwischen so vielen Menschen Zeit verbringen, mieten wir uns eine Liege für ein paar Stunden am Strand. Das Meer ist wirklich türkis-blau und die Strände wunderschön, mit etwas Fantasie lässt sich einreden, dass wir auf den Malediven sind. Wären da nur nicht all die Menschen. So richtig können wir die Zeit nicht genießen und so flüchten wir wieder zu George. Durch einen kleinen Nationalpark an der Küste geht es das letzte Stück zum Grenze. Für 7€ überqueren wir mit einer winzigen Fähre den letzten Fluss, dann erreichen wir die Grenzhäuschen.

Wir blicken zurück auf 16 Tage Albanien. Im Süden gibt es definitiv mehr zu sehen als im Norden und das Gesehene stimmt uns etwas begeisterter von diesem Land. Dennoch bleibt ein gemischtes Gefühl. Man merkt, dass das Land stark von vergangenen Kriegen und Missständen gezeichnet ist, vieles befindet sich im Aufbau. Schockiert hat uns auch das Müllproblem. Bereits in Bosnien-Herzegowina waren wir diesem Problem gegenübergestellt. Hier sind die Ausmaße jedoch viel gewaltiger. Vielleicht ist es auch die Erwartung, mit der wir an das Land durch die unzähligen hochlobenden Berichte herangegangen sind. Am Ende wird es nicht unser Lieblingsland auf der Route werden, auch wenn es hier tolle Orte, eine schöne Natur und freundliche Menschen gibt.

gez. Alex