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Durch Albanien bis Tirana

Unser Weg nach Albanien führt uns über einen kleinen Umweg: Eigentlich wollen wir nur kurz nach Kroatien, um einige wichtige Telefonate aus der EU zu führen. Die Straße dorthin, die uns Maps kurz vor der Grenze zu Montenegro anzeigt, ist jedoch keine offizielle Straße, sondern ein Sperrgebiet. Somit bleibt uns nur noch der Weg nach Montenegro. Wir durchqueren den Norden des Landes in Richtung Küste, nehmen eine kleine Abzweigung nach Kroatien, nur um ein paar Stunden später erneut nach Montenegro einzureisen.

Doch hier hält es uns nicht. Nach kurzer Überlegung haben wir uns entschlossen Montenegro zu überspringen, denn unser Ziel ist Albanien. In einigen Zeitschriften wird Albanien als wunderschönes Reiseland beschrieben, etliche Berichte küren es zum Geheimtipp in Europa. Bereits vor Beginn der Reise haben wir uns dazu entschlossen hier länger Zeit zu verbringen. Da wir etwas Strecke machen möchten und wir gehört haben, dass Montenegro relativ teuer sein soll, durchfahren wir in 3,5 Stunden, inklusive kurzer Fährfahrt, das Land und stellen hinter der Grenze einen neuen persönlichen Rekord auf: Vier Länder innerhalb eines Tages.

Als wir das Grenzhäuschen passieren, bin ich überrascht: Tatsächlich, befestigte Straßen! Für den Einen oder Anderen mag das jetzt komisch klingen, aber ich habe vor 10 Jahren mit meinen Freunden eine Tour nach Griechenland gemacht und als wir damals Albanien innerhalb von einem Tag durchquert haben, gab es kaum befestigte Straßen. Schon nach der Grenze wich der Asphalt einer Schotterpiste. In dem Punkt hat sich in der Zeit einiges in Albanien getan, auch wenn das Land noch heute nicht für seine guten Straßen bekannt ist. Überraschend sind zudem die Spritpreise: Mit 2,10€ pro Liter Diesel haben wir wirklich nicht gerechnet. Hier soll es doch so günstig sein? Gut, dass wir in Montenegro für 1,53€ nochmal vollgetankt haben.

Kaum sind wir auf den berüchtigten albanischen Straßen unterwegs möchte ich eigentlich nur eins: Ans Meer! Bis jetzt führte uns unsere Route entlang kalter Flüsse oder Seen zum Badengehen und ich bin ganz wild darauf einen Sprung ins kühle Nass zu wagen. Da wir viel unterwegs waren, fahren wir direkt nach der Grenze an die Küste und finden einen Stellplatz am Strand, inklusive freilaufenden Kühen und Schweinen, herrlich!

Wir verbringen drei Tage hier, dann geht es zügig in den Nordosten. Die Franzosen, die wir in der Nähe von Sarajewo getroffen haben, hatten uns ein Ziel genannt, dass wir nicht verpassen dürfen: Die Fährfahrt auf dem Koman-Stausee. Natürlich wollen wir uns das Ganze nicht entgehen lassen und so geht es über eine Straße mit unzähligen Schlaglöchern ab in den kleinen Ort Koman. Während wir noch den Stellplatz suchen, fährt uns ein Pickup entgegen und Leopold, ein Einheimischer in unserem Alter, winkt uns zu sich heran. Er erzählt, dass er für die Reederei arbeitet und will uns direkt Tickets verkaufen. Für uns beide mit George soll eine Fahrt 96€ kosten. Ganz schön teuer. Irgendwie hatten wir uns das günstiger vorgestellt. Er erzählt uns weiter, dass mit der Höhe von George eine Fahrt frühestens übermorgen möglich sei. Was wir schon von den Franzosen gehört haben: Am besten sollte man das Ticket schon im Voraus buchen, da die Fähren sehr voll sind. Wir warten jedoch mit der Entscheidung erstmal ab. Etwas geknickt fahren wir weiter zum Stellplatz. Dort steht schon ein großer gelber Van. Wie das so unter Overlandern ist, kommen wir schnell ins Gespräch. Livio und Anuschka (vantastic_swiss) sind beide 20 Jahre alt, kommen aus der Schweiz und reisen schon seit 8 Monaten durch Europa und die Türkei. Der Van ist Livios Abschlussaufgabe der Schule, und so konnte er einige Sponsoren finden, die ihn bei seinem Projekt unterstützt haben. Auf die Idee muss man erstmal kommen, wir sind wirklich begeistert. Von Anfang an verstehen wir uns sehr gut mit den beiden und so entsteht schnell der Plan, morgen gemeinsam mit der Fähre, einfach ohne Auto, hin- und zurück zufahren.

Früh morgens um 8 Uhr stehen wir auf, um zur Anlegestelle zu laufen. Am Abend haben wir in einem anliegenden Hotel gefragt, ob wir die Autos hier tagsüber stehen lassen dürfen. Von hier aus laufen wir den Weg hoch zur Anlegestelle. Die letzten Meter geht es durch einen engen Tunnel, dann ist unser Ziel erreicht. Hier tummeln sich auf dem kleinen Platz schon unzählige Wohn- und Expeditionsmobile und wir verstehen schnell, warum das Ticket für das Auto bereits im Voraus gebucht werden soll. Es gibt genau zwei Reederein und beide Fähren legen um neun Uhr ab. Wir suchen Leopold und freuen uns, dass wir ihn finden. Bei ihm kaufen wir die Tickets – ohne Auto kostet das Ganze 14€ pro Person für beide Strecken. Er macht uns sogar einen kleine Rabatt, denn wir haben nur noch wenig Bargeld dabei. Dieses Problem wird uns später noch öfters einholen, denn in nahezu ganz Albanien ist nur Barzahlung möglich und es gibt kaum Geldautomaten. Doch zunächst genießen wir die Fährfahrt. Pünktlich geht es los. Die beiden Franzosen haben nicht zu viel versprochen: Die Fahrt ist unheimlich schön. Ungefähr dreieinhalb Stunden geht es durch die Natur und es gibt immer wieder etwas zu bestaunen. Leider nicht nur positiv, denn neben Fischen schwimmt auch viel Müll im hinteren Streckenabschnitt im Wasser. Dennoch genießen wir die schöne Strecke durch die atemberaubende Schlucht.

Am Zielort angekommen machen wir einen kleinen Spaziergang und entdecken etwas, dass uns wirklich traurig macht: Zwei Welpen sitzen auf einem Haufen aus Müll und rufen verzweifelt nach ihrer Mutter. Während wir den beiden etwas Wasser und Essen geben, kommen zwei Mädchen auf uns zu und berichten, dass gestern jemand die Welpen hier ausgesetzt hat. Es waren wohl vier, nun sind es nur noch zwei. Schnell ist ein Entschluss gefasst: Wir nehmen die Welpen mit, denn Livio und Anuschka wollen versuchen die beiden zu vermitteln. Schon in Griechenland haben sie so vier Welpen erfolgreich das Leben gerettet. Auf der Rückfahrt haben wir also zusätzliche Gesellschaft auf der Fähre. Wir versuchen schon dort jemanden zu finden, der uns helfen kann, doch weder hier noch zurück in Koman werden wir fündig. In Albanien gibt es kaum jemanden, der sich um ausgesetzte oder streunende Hunde kümmert. Das Land ist schlichtweg überfordert mit der Situation und zusätzlich fehlen die finanziellen Mittel, um vernünftige Anlaufstellen finanzieren zu können. Auch mehrere Telefonate bleiben ergebnislos. Leider haben wir einfach zu wenig Platz für einen Hund, wir würden am liebsten einen der beiden behalten, denn die beiden Welpen sind einfach nur zu süß. In der nächstgrößeren Stadt Shkodra wollen Livio und Anuschka am nächsten Tag ihr Glück versuchen und so verbringen wir noch einen wunderschönen Abend zu sechst.

Mit vielen neuen Tipps für unsere Route müssen wir uns am nächsten Morgen schweren Herzens verabschieden. Wir fahren erneut zur Küste und erleben dort den nächsten Schock. Die komplette Küste ist mit Hotels verbaut. Zwischen den fertigen Türmen drängen sich entweder leere Turmskelette oder Baustellen. Die Pandemie hat auch die Neubauten Albaniens getroffen. Doch statt die Hotels jetzt fertig zu bauen, setzt man lieber auf neue direkt daneben. Es geht auf den Straßen zu wie am Ballermann. Wir sind wirklich überfordert. Ganz am Ende der Hotelreihe finden wir einen kleine Strandabschnitt, der zu keinem Hotel gehört, doch der Dreck der Stadt findet sich auch hier im Meer wieder. Eine graue Suppe, die nun wirklich nicht zum Schwimmen einlädt. Ganz schnell fahren wir weiter.

Es geht an die Laguna e Patokut. Wie eine Perlenkette reihen sich einzelne Inseln an eine Straße, auf denen sich Fischrestaurants und kleinere Hotelanlagen niedergelassen haben. Hier finden wir einen Stellplatz am Meer, das auch hier nicht sehr einladend auf uns wirkt. Jedoch kühlt ein angenehmer Wind die Lufttemperatur etwas ab und wir bekommen einen schönen Sonnenuntergang zu sehen. Tiere gibt es hier auch einige, es wimmelt im Meer von Krabben und wir beobachten ein Krabbenpaar beim Liebesspiel. Fest hält das Männchen das Weibchen umschlossen. Aber auch in der Luft ist einiges unterwegs, unzählige Mücken. Scheinbar sind wir in der Mückenhochsaison unterwegs, in ganz Albanien werden wir von den kleinen Blutsaugern verfolgt. Am Abend erreicht uns eine großartige Nachricht: Livio und Anuschka haben tatsächlich jemanden gefunden! Nachdem sie erfolglos bei zwei Tierärzten und einem Tierheim waren, haben sie einfach bei einem schönen Haus mit großem Garten geklingelt. Die Besitzerin hat die beiden Welpen direkt ins Herz geschlossen. Ihr Hund ist erst vor kurzer Zeit verstorben und sie wollte sich schon einen neuen suchen. Hier werden die beiden ein schönes Leben haben. Wir sind sehr erleichtert.

Zwei Tage später verlassen wir die Lagune wieder, es geht nach Tirana, die Hauptstadt Albaniens. Auf dem Weg dorthin machen wir einen kurzen Stopp bei einem der ältesten Olivenbäume der Welt. Ungefähr 2000 Jahre ist dieses Exemplar alt. Der Weg entpuppt sich als echte Herausforderung. Was wir nicht wissen ist, dass es hintenrum einen einfachen Weg gibt. Google Maps hat aber mal wieder unglaublich gute Vorschläge für den kürzesten Weg und so brauchen wir mehrfach die Untersetzung, um die Steigung und Hindernisse auf der ausgewaschenen Straße zu meistern. In einem Wald aus Olivenbäumen fällt die ‚Königin‘ direkt ins Auge. Der Stamm hat einen riesigen Durchmesser und die Äste hängen knorrig in alle Richtungen ab. Unglaublich, wie alt diese Bäume werden können. Das älteste Exemplar steht auf Kreta und ist bis zu 5000 Jahre alt.

Um nicht mitten in der Stadt zu stehen, haben wir uns einen Campingplatz etwas außerhalb von Tirana gesucht. Es soll eine kleine Oase inmitten des Stadtlärms sein. Als wir dort ankommen, können wir dies nur bestätigen. Ein wirklich schönes kleines Fleckchen, Hühner laufen über den Platz, Katzen streunen hinterher, es gibt frische Milch, Eier und der Besitzer läuft jeden Abend seine Runde mit einer Flasche selbstgemachtem Raki in der Hand. Es wirkt alles sehr familiär und friedlich und so bleiben wir zunächst zwei Tage hier und genießen die Zeit. Am ersten Abend wartet sogar ein Highlight auf uns: wir treffen auf Philipp und Martin, die beiden sind Schweizer. Der eine ist mit seinem Defender und der andere ist mit seinem Jeep auf den Pisten Europas unterwegs. Da sich das Quatschen über unsere Autos bis in den Abend hinein erstreckt, wollen wir irgendwann das Essen planen und so führt eins zum anderen: Plötzlich sehen wir uns zu viert am Tisch bei einem unglaublich leckeren Käsefondue sitzen. Hätte mir vor 5 Jahren jemand gesagt, dass ich mal in der Hauptstadt Albaniens sitzen werde und echtes Schweizer Käsefondue vernaschen werde, hätte ich denjenigen wohl für verrückt erklärt.

Es ist sehr heiß die letzten Tage und wir sind froh, dass wir einen Schattenplatz haben. Als wir uns am dritten Tag entscheiden für 70ct mit dem Bus in das Zentrum zu fahren, tobt plötzlich ein Gewitter über uns hinweg und es regnet, als hätte der Himmel alle Schleusen geöffnet. In Tirana angekommen flüchten wir also in das Nationalmuseum, um so der Nässe zu entgehen. Auch wenn das Museum an sich schön aufgebaut ist, enttäuscht es dennoch. Lediglich in der unteren Etage hat man sich bemüht alles ins Englische zu übersetzten. Die Neuzeit, und somit das für uns interessante, ist lediglich auf Albanisch beschrieben. Wir können es wirklich nicht nachvollziehen, wie ein Museum, das in der Hauptstadt liegt und die albanische Geschichte repräsentiert, es nicht schafft diese vernünftig zu übersetzten. Andere Museen, die wir in den kommenden Tagen noch besuchen werden, jedoch schon. Als wir das Museum verlassen, hat der Regen nachgelassen. Die Sonne scheint wieder und wir sind über die abgekühlte Luft sehr dankbar. Wir schlendern durch Tirana, besuchen eine Markthalle, geniesen leckeres Essen in einer bunten Bar und schauen uns ein Kunstwerk das den Namen ‚The Cloud‘ trägt an.

Man merkt schnell, Tirana ist eine wachsende Stadt, die unsere Meinung nach ihre Identität erst noch finden muss. Es gibt unzählige Baustellen, der Großteil der sehenswerten Orte zentriert sich um einen großen Platz. Eine schöne Altstadt findet man hier nicht. Das hat hauptsächlich mit der Geschichte Albaniens zu tun, die von Krieg und Diktatur geprägt ist. Bis 1990 war das Land unter kommunistischem Regime und von der Außenwelt beinahe komplett abgeriegelt. Erst nach der Befreiung konnte ein Aufschwung erfolgen und Albanien befindet sich bis heute im Aufbau. Leider überzeugt uns Tirana dadurch am Ende des Tages nicht ganz.

Ihr merkt, bis jetzt fällt es uns schwer, uns mit Albanien richtig anzufreunden, auch wenn die Leute hier sehr freundlich sind. Wir werden jedoch schnell merken, dass der spannende Teil Albaniens noch kommen soll. Der Süden des Landes überrascht mit vielen schönen Naturspektakeln wie tiefen Canyons und schönen Höhlen. All das werden wir uns gemeinsam mit euch im nächsten Artikel anschauen.

gez. Alex